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Vom „Betonzelt“ zur Boulderhalle

Würzburg Sanderau
Geschichte von St. Andreas

Die Geschichte von St. Andreas in der Sanderau ist ein Stück Stadtteilgeschichte. Sie spannt den Bogen vom rasanten Wachstum der Nachkriegszeit bis hin zu einem der modernsten und ungewöhnlichsten Wege der Kirchennutzung in ganz Bayern.

​In den 1950er- und 60er-Jahren platzte die Sanderau aus allen Nähten. Der Stadtteil, der einst von Winzern, Gärtnern geprägt war, entwickelte sich rasant zu einem dicht besiedelten Wohngebiet. Die Pfarrkirche St. Adalbero reichte für die wachsende Zahl der Gläubigen im südlichen Teil bald nicht mehr aus.  1962 beschließt der Würzburger Stadtrat den Bebauungsplan „Südliche Sanderau“. Gleichzeitig errichtet das Bischöfliche Ordinariat die Kirchenstiftung „St. Andreas“. ​Als der Würzburger Dom, der ursprünglich dem heiligen Andreas geweiht war, zum „Kiliansdom“ umbenannt wurde, blieb das Patrozinium des Apostels frei. Man wählte es ganz bewusst für das neue Gemeindezentrum aus.

​1. Oktober 1965: Die Pfarrei St. Andreas wird offiziell von St. Adalbero abgetrennt und selbstständig. An der neu entstandenen Breslauer Straße erwarb die Kirchenverwaltung ein Grundstück. Mit der Planung wurde der gebürtige Sanderauer Architekt Lothar Schlör beauftragt. ​Nach den Vorarbeiten im Herbst 1965 folgte am 17. September 1967 die feierliche Grundsteinlegung durch Pfarrer Bruno Zeisner.

Am 30. November 1968 weihte Bischof Josef Stangl die Kirche feierlich ein.  Die Kirche besticht durch ihre außergewöhnliche Pyramiden- bzw. Zeltdachkonstruktion. Das Bauverfahren war spektakulär: Die Deckenkonstruktion wurde flach auf dem Boden liegend gegossen, hydraulisch aufgefaltet und dann zum Kirchenschiff aufgerichtet. Die Sichtbetonoberflächen mit ihrer markanten Brettstruktur und die tiefergelegene Taufkapelle mit einem Taufbrunnen auf Mainniveau machten
St. Andreas zu einem architektonischen Unikat. 

​Über Jahrzehnte hinweg blühte das Gemeindeleben. Generationen von Sanderauern feierten hier Taufen, Hochzeiten und Erstkommunionen. Im Souterrain des Pfarrzentrums entstanden Gruppen- und Jugendräume, die rasch zum Herzstück des sozialen Lebens im Viertel wurden.

​Im Jahr 2009 schlossen sich St. Adalbero und St. Andreas wieder zur Pfarreiengemeinschaft Würzburg Sanderau zusammen, um den pastoralen Herausforderungen und dem Priestermangel gemeinsam zu begegnen. Später ging diese im Pastoralen Raum Würzburg Süd-Ost auf.

Wie viele Pfarreien stand auch St. Andreas in den letzten Jahren vor massiven Herausforderungen. Sinkende Mitgliederzahlen, schwindende finanzielle Mittel und der enorme energetische wie bauliche Instandhaltungsaufwand der Betonbauten waren kaum noch zu stemmen. Die Verantwortlichen trafen eine mutige Entscheidung: Sie suchten nach einem nachhaltigen Konzept, um das Gebäude vor dem Verfall zu retten, ohne es abzureißen. St. Andreas wurde 2026 offiziell als Baudenkmal in die bayerische Denkmalschutzliste eingetragen. Im April 2026 gaben das Bistum Würzburg und die Kirchenverwaltung eine überraschende Nachricht bekannt: Das Kirchengebäude wird an die Betreiber der Boulderhalle ROCK INN übergeben.

Nach der offiziellen Profanierung am Sonntag, 26. Juli '26 (Entweihung) wird das einstige Gotteshaus zu einer Kletter- und Boulderhalle umgebaut – ein in Bayern bislang einzigartiges Projekt. Der Charakter des denkmalgeschützten Raums bleibt vollständig erhalten. Was bleibt: Das Pfarrhaus wird weiterhin von der Pfarrei genutzt, um dort die wichtige Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Stadtteil fortzuführen. So bleibt St. Andreas auch in Zukunft das, was es immer war: Ein lebendiger Ort, der die Menschen in der Sanderau zusammenbringt.

Karl Heinz Bohn